Welt-Wasser-Tag

Die kleine Nieplitz – und ihre internationale Bedeutung

Jedes Jahr am 22. März ist der Internationale Weltwassertag. Er widmet sich dem Thema Wasser, wie es uns beeinflusst und wie wir diese wichtige Ressource bewahren können. Für uns Grund genug, heute einen Blick auf unser Gewässer – die Nieplitz – zu werfen. Welche Rolle spielte und spielt das Flüsschen in unserer Umgebung? Welche Veränderungen stehen dem Gewässer im Jahr 2021 bevor? Und warum gibt Brandenburg, aber auch die EU große Summen für ihre Renaturierung aus?

An der Nieplitz westlich von Beelitz – 26.02.2021 Foto: Gisela Baumann

Ein Fluss – nur international zu managen

Seit dem Jahr 2000 werden Flüsse in der Europäischen Union länderübergreifend gemanagt – von der Quelle bis zur Mündung. Die sogenannte Wasserrahmenrichtlinie (WRRL) gibt dabei vor, wie der Zustand der Gewässer erfasst und kontrolliert wird und welche Maßnahmen erfolgen müssen. Ziel aller Maßnahmen ist es immer, ein Gewässer langfristig in einen guten ökologischen Zustand zu bringen. Das ist wichtig, damit Flüsse und Seen ihre Funktion im Kreislauf des Wassers erfüllen können – für eine intakte Natur und ein stabiles Klima. Letztlich ist das die Versicherung, dass uns immer ausreichend Trinkwasser zur Verfügung steht.

Von der Nieplitz in die Nordsee

Die Nieplitz ist neben vielen anderen Gewässern ein Teil der internationalen Flussgebietseinheit „Elbe“. Zuflüsse der Elbe liegen nicht nur in Deutschland, sondern auch in Polen, Tschechien und Österreich. Die Nieplitz entspringt in der Nähe von Treuenbrietzen, fließt dann nördlich, an Beelitz und Zauchwitz vorbei und schließlich in den Blankensee. Nach weniger als 50 km Länge mündet sie in die Nuthe, die in Potsdam in die Havel fließt. An der Grenze von Brandenburg zu Sachsen-Anhalt mündet die Havel in die Elbe.

Mühle, Wehr und Badespaß

Die Quelle und der Oberlauf der Nieplitz südlich von Treuenbrietzen liegen in einem geschlossenen Waldgebiet. Das Tal mit seinen Teichen, Laubmischwäldern und kleinen Mooren ist ein beliebtes Ziel für Wanderer, Radfahrer und Pilzsucher. Der Verlauf und die Struktur der Nieplitz sind hier weitgehend naturnah geblieben. Nördlich von Treuenbrietzen und bis zum Blankensee durchfließt die Nieplitz meist landwirtschaftliche Flächen. Hier wurde ihr Lauf insbesondere im 19. Jahrhundert stark verändert: Der Fluss wurde begradigt, verbreitert, zahlreiche Bäume am Ufer gefällt, und an mehreren Stellen wurden Wehre eingebaut. Direkt angrenzend an die Beelitzer Innenstadt floss bis in die 1960er Jahre das Mühlenfließ. Es war Energiequelle für die Beelitzer Wassermühle und bot, wenn das Wasser aufgestaut wurde, u.a. Bademöglichkeiten für Jung und Alt.

Das aufgestaute Wasser ließ auch die angrenzenden Wiesen zeitweise unter Wasser stehen. Zeitzeugen berichten von zugefrorenen Wiesen im Winter, die von der südlichen Altstadt bis zum Bahndamm reichten und von den Beelitzern zum Schlittschuhlaufen genutzt wurden. 1957 wurde dem Müller in Beelitz das Staurecht entzogen. 1967 wurde angeordnet, das Mühlenfließ zuzuschütten. Zwischen Eisenbahnbrücke und dem Wehr südlich der Altstadt ist noch ein letzter Rest des alten Mühlenfließes erhalten. Das Kleingewässer ist aktuell nicht mit der Nieplitz verbunden.

Einzigartige Natur, die keine Grenzen kennt

Die Ufer der Nieplitz und die nahegelegenen Wiesen werden von den Beelitzern gerne genutzt. In unmittelbarer Nähe zur Stadt kann man Fahrrad fahren, wandern, reiten, angeln, mit dem Hund spazieren gehen, grillen, fotografieren, picknicken oder einfach so frische Luft tanken. Den wenigsten ist dabei bewusst, dass sie sich in einem Schutzgebiet von internationaler Bedeutung bewegen.

Reiten an der Nieplitz Foto: Gisela Baumann

Ebenso wie beim Gewässerschutz – ist auch der Schutz von Tier- und Pflanzenarten und ihren Lebensräumen nur über Ländergrenzen hinweg erfolgreich. Das haben die Staaten der Europäischen Union schon 1992 verstanden und damals gemeinsam die Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie (FFH) beschlossen. Dank FFH gibt es heute ein europaweites Netz von Schutzgebieten (Natura 2000), in dem einzelne Arten und ganze Lebensräume nach europaweit einheitlichen Regeln bewahrt werden. Zusätzlich haben sich die Staaten auf gemeinsame Listen mit Tier- und Pflanzenarten geeinigt, deren Vorkommen in Europa von so großer internationaler Bedeutung ist, dass sie auch unabhängig von bestimmten Gebieten geschützt werden müssen. Dabei gilt immer das Prinzip: Verantwortlich ist die Region, in der (noch) stabile Vorkommen der Art oder des Lebensraumes existieren.

Das FFH-Gebiet „Obere Nieplitz“

Das europäische Schutzgebiet „Obere Nieplitz“ ist über 591 ha groß und umfasst den Verlauf der Nieplitz von der Quelle bei Frohnsdorf bis hin nach Zauchwitz, zusätzlich ihre Zuflüsse wie zum Beispiel das Bardenitzer Fließ. Von besonderer Bedeutung ist nicht nur das Gewässer selbst, sondern auch Auenwälder, Feuchtwiesen, Moore und besondere Trockenstandorte wie Heiden in unmittelbarer Nähe. In dem Gebiet kommen weit mehr als 600 verschiedene Pflanzenarten vor, davon stehen allein 75 Arten in Brandenburg oder Deutschland auf der Roten Liste.

Malermuschel, Rapfen und Azurjungfer

Die Liste der Tierarten, die in und an der Nieplitz besonders geschützt werden, ist lang. Viele Tiere haben hier ein wichtiges Vorkommen – daher die internationale Bedeutung der Nieplitz. Ein Beispiel: Der Rapfen ist ein karfenähnlicher Fisch, der ca. 80 cm lang werden kann.

Der Rapfen (Aspius aspius). Foto: Karelj, Public Domain, via Wikimedia Commons

Deutschland hat für die Erhaltung eine besondere Verantwortung, weil in unserer Region die östlichsten Vorkommen dieser Tiere zu finden sind. Derzeit leben Rapfen im Blankensee, können aber wegen der Wehre bei Zauchwitz und Beelitz keine weiteren Abschnitte der Nieplitz besiedeln. Hier helfen Maßnahmen, die ab 2021 stattfinden sollen wie der Rückbau des alten Wehres bei Beelitz und der Bau von Fischtreppen an den Wehren Schönefeld und Zauchwitz. Ein wahrhaft ursprünglicher Wasserbewohner ist das Bachneunauge, das zwar ähnlich wie ein kleiner Aal aussieht, jedoch nicht zu den Knochenfischen zählt. In der Nieplitz wohnen derzeit nur noch wenige Exemplare.

An der Nieplitz werden der Fischotter, der Biber und 11 verschiedene Fledermausarten geschützt. Seltene oder gefährdete Amphibien sind der Kammmolch, der Bergmolch, der Moorfrosch und die Knoblauchkröte. Zahlreiche Insektenarten kommen auf den Nieplitz-Wiesen vor, zum Beispiel der Große Feuerfalter und in Wassernähe die Helm-Azurjungfer. In den Wäldern mit vielen alten Bäumen und Totholz gibt es noch wenige Exemplare des Eremiten, sehr wahrscheinlich auch Hirschkäfer. Am Wehr Zauchwitz kommen noch geringe Mengen der Malermuschel vor.

Der Ortolan – unscheinbar mit goldener Kehle

Für zahlreiche Vogelarten ist das Schutzgebiet „Obere Nieplitz“ ein wichtiger Lebensraum, so für den Kiebitz, die Grauammer oder den Wiesenpieper. Für Eisvogel, Mittelspecht, Heidelerche und Ortolan gelten sogar besonders strenge europaweite Schutzmaßnahmen. Der Naturpark Nuthe-Nieplitz trägt eine besondere Verantwortung für den Schutz des Ortolans, weil hier in unserer Region ein besonderer Schwerpunkt seines Vorkommens liegt. Leider sind die Bestände dieses etwas unscheinbaren Vogels mit der schönen Stimme auch bei uns zurückgegangen. Experten gehen davon aus, dass die Zunahme des intensiven Mais- und Spargelanbaus, die Beregnung und vorzeitige Mahd von Getreideäckern hier entscheidend beigetragen haben.

Graugänse fühlen sich auf den Wiesen wohl. Selbst Spaziergänger mit Hund scheinen sie nicht zu stören. Foto: Gisela Baumann

Europäische Fördergelder für die Nieplitz

Vielfältige, teils noch ursprüngliche Lebensräume und zahlreiche europäisch bedeutende Tier- und Pflanzenarten. Gleichzeitig jedoch eine anhaltende Verbauung und Veränderung der Gewässer und die Auswirkungen intensiver Landwirtschaft auf die Tiere und Pflanzen. Das macht die Nieplitz zum Ziel internationaler Naturschutz-Maßnahmen. Manche Maßnahmen sind fortlaufend, zum Beispiel die Pflege und Unterhaltung der Nieplitz, die der Wasser- und Bodenverband so durchzuführen hat, dass z. B. Bachneunaugen oder Azurjungfern nicht gestört oder vernichtet werden. Auch beim Mähen der Feuchtwiesen oder Ufervegetation müssen strenge Regeln eingehalten werden.

Weit größeres Aufsehen erregen temporäre Maßnahmen, wie sie seit 2020 in unmittelbarer Nähe der Beelitzer Altstadt stattfinden. Die Nieplitz wird renaturiert. Auf dem zukünftigen LaGa-Gelände hieß das: Einbringen neuer Bodenschichten in der Nieplitz, Anlegen von Kiesbänken, Zurückschneiden der Vegetation über und Unterwasser, Pflanzung von Bäumen und Stauden und Verankerung von Buhnen. Die Maßnahmen sollen die Struktur und die Fließgeschwindigkeit der Nieplitz wieder natürlicher gestalten, sodass sie als Lebensraum für Fische, Amphibien und Insekten geeignet ist. Allein im Bereich des Gartenschaugeländes werden Maßnahmen im Umfang von über 200 000 Euro umgesetzt – gefördert durch den Europäischen Landwirtschaftsfonds für die Entwicklung des Ländlichen Raumes (ELER) und die Stiftung Naturschutzfonds Brandenburg.

Eine Fülle von Maßnahmen erfordern einen langen Atem

Dem alten Wehr Beelitz steht – mindestens aus Sicht der Wasserlebewesen – eine sonnige Zukunft bevor. Foto: Gisela Baumann

Jenseits des Gartenschaugeländes liegt die Renaturierung in der Hand der Oberen Wasserbehörde des Landesamtes für Umwelt Brandenburg. Hier sind große Veränderungen geplant: Das alte Wehr Beelitz soll so umgebaut werden, dass es für Fische, Muscheln und Wasserinsekten kein unüberwindbares Hindernis mehr darstellt. Der noch übrige Altarm westlich von Beelitz soll wieder an die Nieplitz angeschlossen werden, sodass neue Lebensräume für Wassertiere entstehen. Die Struktur der Nieplitz soll verbessert werden, zum Beispiel indem Sedimente oder Totholz eingebracht werden und das Flüsschen in einigen Bereichen wieder mäandrieren darf. Bei Zauchwitz werden Gehölze entfernt, die untypisch für den Gewässerrand sind. An anderen Stellen werden geeignete Baumarten gepflanzt, um Uferbereiche zu beschatten. Insgesamt fordern die geplanten Erhaltungs- und Entwicklungsmaßnahmen einen langen Atem – allein 17 Wehre müssen im gesamten Gebiet „Obere Nieplitz“ zurück- oder umgebaut werden. Die Belastung der Nieplitz durch Stoffe aus den Kläranlagen aber auch aus der Landwirtschaft muss weiter reduziert werden. Über viele Kilometer hinweg werden Profil und Struktur der Nieplitz und ihrer Zuflüsse natürlicher gestaltet. Es werden Gewässerrandstreifen angelegt und Zonen, wo das Flüsschen über die Ufer treten darf.

Feuchtwiese an der Nieplitz westlich von Beelitz im Februar 2021. Foto: Gisela Baumann

Eine Fülle von Maßnahmen ist geplant mit dem Ziel, den ursprünglich in und an der Nieplitz vorkommenden Lebewesen wieder mehr Möglichkeiten und Raum zu geben. Ich denke, wir werden von der Renaturierung in vielfältiger Weise profitieren. Die obere Nieplitz bietet uns nicht nur einen attraktiven und vielfältigen Erholungsraum direkt vor unserer Haustür. Sie ist auch zunehmend ein touristischer Geheimtipp. Wenn wir dem Gewässer und seinen Bewohnern zukünftig wieder ein Stück mehr Eigenleben zugestehen, erhalten wir im Gegenzug eine intakte Umwelt. Sie versorgt uns wie selbstverständlich mit frischer Luft, sauberem Trinkwasser, schafft einen Ausgleich von Wetterextremen und deren Auswirkungen, sie bietet Hochwasserschutz, eine Fülle von Insekten, die unsere Nutzpflanzen bestäuben und nicht zuletzt einfach einen lebenswerten Ort zum Wohnen.

Dr. Gisela Baumann

Hierzu Presseerklärungen der B90/Die Grünen Brandenburg:

https://gruene-brandenburg.de/startseite/single-news/article/weltwassertag-die-grenzen-der-natuerlichen-ressourcen-respektieren/

https://gruene-fraktion-brandenburg.de/presse/pressemitteilungen/2021/vom-tagebau-ins-trinkwasser

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